Reportage über das Glück

"Ich arbeitet für meine Recherche in einer Favela in der Nähe des Flughafens in Curitiba. Meine Freunde sorgten sich sehr aber ich spürte es war richtig. Hier habe ich unterrichtet und mindestens so viel, wenn nicht viel mehr für mein eigenes Leben gelernt. Die Monate dort, haben mein Leben beeinflußt. In dieser kleinen Reportage "Augenblicke des Glücke" möchte ich einen Funken dieser Erfahrungen teilen." R. Egger 

Augenblicke des Glücks

Einblicke in eine brasilianische Favela

Schnell und gut klimatisiert geht es in einem in die Jahre gekommenen VW Passat mit verdunkelten Scheiben über den Highway Richtung Flughafen. Es ist 7,30 Uhr morgens. Das Autoradio schmettert Sambakläge. Sergo, der Fahrer, singt lautstark mit, während er den Rhythmus auf das Lenkrad klopft. Sonne, Palmen, Urlaubsgefühle - Brasilien. Doch die Fahrt durch den südlichen Bundesstaat Paraná führt nicht zur Küste. Der Blick aus dem Autofenster fällt auf die schiefen Wellblechdächer der Armenviertel. Immer enger reihen sich die sogenannten Favelas wie große Müllberge aneinander. 

Mit quietschenden Reifen geht es runter vom Highway. Sergo manövriert den Passat über eine Schotterpiste Richtung Plastikdorf. Er trägt eine verwaschene Jeans und ein weinrotes Hemd mit kurzen Ärmeln, dazu grüne Havaianas. Sogar sitzend ist er eine imposante Erscheinung: Fast zwei Meter groß, breite Schultern und schokoladenbraune Haut. Sein starkes Aftershave, seine tiefe Stimme, sein einnehmendes Lächeln und seine große Ruhe strahlen Sicherheit aus. Trotzdem überkommt mich plötzlich eine leichte Übelkeit und mein Herz schlägt wild. Zweifel stellen meine Entscheidung - in dieser Favela an einer Grundschule zu unterrichten – in Frage. 

Das Auto stoppt. Wie selbstverständlich greift Sergo ins Handschuhfach, holt eine Waffe heraus und steckt diese locker in den Gürtel. Dann öffnet er mit einem aufmunternden Lächeln die Autotür des Wagens. Von fern ertönen Samba-Rhythmen. Das Lachen von Kindern, Frauen und Männern ist zu hören. In Grüppchen stehen die Menschen vor Hütten aus Plastikplanen und unterhalten sich. Sergo geht zielsicher zu dem Plastikzelt in dem der Unterricht stattfinden soll. 

Im Zelt ist es schwül und stickig. Tausende Gerüche hängen in der Luft. Etwa fünfzig Augenpaare sind auf uns gerichtet: neugierig, erwartungsvoll, lächelnd, herzlich und misstrauisch. Doch nicht nur Kinder erwarten mich. Direkt vor mir sitzt ein braungebrannter Mann, ungefähr 50 Jahre alt – nackt. Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu Sergo. Er sitzt ruhig und gelassen in der letzten Reihe nahe dem Eingang. Seine Hand ist auf der Waffe, die entsichert und lässig in seinem Gürtel steckt – was mich absurderweise beruhigt. Er nickt mir zu und gibt mir zu verstehen, nicht darauf einzugehen. 

Der Unterricht beginnt. Fragen prasseln auf mich nieder. Es fällt mir schwer, den Dialekt zu verstehen. Ein fünfjähriges Mädchen mit zerzaustem Haar springt plötzlich auf und ruft: „ Ich bin Lucia und ich weiß woher Sie kommen – aus China! Meine Mutter hat einmal einen Chinesen gesehen, der spricht so komisch wie Sie.“ Ich erzähle von Europa, dem Kontinent auf der anderen Seite des Ozeans. Zweifelnde Blicke von allen Seiten. Ein etwa achtjähriger Junge mit großen braunen, neugierigen Augen kommt auf mich zu und greift mir an den Oberarm: „Ich glaube nicht, dass du so weit über das Meer geschwommen bist.“ Ich schmunzle. Nie habe ich damit gerechnet, dass diese Welt so fern von der unseren ist. Der Unterricht macht auch mir Spaß. Schnell habe ich die Armut vor dem Zelt vergessen. Der Schweiß hat meine Sachen durchweicht und mittlerweile habe ich mich auch an den Anblick des nackten Mannes in der ersten Reihe gewöhnt. Während ich unterrichte, blicke ich bemüht an ihm vorbei. 

12 Uhr, Essensausgabe: Die Schüler stürmen mit Tabletts zu den Töpfen mit Reis und dunklen Bohnen. Teller gibt es nicht. Sie mischen Reis und Bohnen zu einem rotbraunen Brei zusammen. Wer zur Schule geht, bekommt eine warme Mahlzeit am Tag. Aus diesem Grund setzen sich die Menschen in das stickige Plastikzeit und lernen. Hunger und Neugierde treiben sie in die Schule. 

Am Nachmittag, Sambaunterricht: Die Menschen nehmen meine Hand und gemeinsam kreisen unsere Hüften im Rhythmus. Mehr oder weniger. Denn ihre besorgten Blicke und Bemühungen machen mir deutlich, dass mein Hüftschwung verbesserungswürdig ist. Ein zwölfjähriges Mädchen fragt sogar, ob ich krank bin, wegen meiner steifen Beckenbewegungen. Alle Lachen und Tanzen. Der nackte Mann aus der ersten Reihe tanzt wild in meiner Nähe, was mich nach wie vor befremdet und sogar Sergo bewegt sich ziemlich gekonnt im Takt. Seine Waffe scheint er vergessen zu haben, denn seine Arme wirbeln durch die Luft, während er mir aufmunternd zublinzelt. 

17 Uhr, Schulschluss: Hier stürmt keiner sofort davon. Das kleine zerzauste Mädchen – das mich als Chinesin identifiziert hatte – fällt mir um den Hals und küsst mich zum Abschied. Dabei umklammert sie meine Hand, scheint sie gar nicht mehr loslassen zu wollen. Doch Sergo drängt zum Aufbruch. Kreischend springen die Jungs voraus zum alten Passat. Sergo schiebt sich durch den lärmenden Pulk und hält mir die Autotür auf. Während ich einsteige sehe ich, wie die meisten meiner Schüler winken. Unter ihnen auch der nackte Mann. 

Mit offenen Fenstern und lauter Musik geht es zurück in die Hauptstadt des Bundesstaates Paraná nach Curitiba. Eine Stunde später sitze ich erschöpft und voller neuer Eindrücke mit Sergo wieder in einer anderen Welt. Im Restaurant, einer Churrasceria, schwirren Kellner durch den Raum und servieren große Fleischspieße und Weinflaschen. Der Duft gebratenen Fleischs liegt in der Luft. Die Tische sind mit Tellern, Gläsern und Besteck eingedeckt. Gutgekleidete Menschen genießen einen professionellen Service. Vor Sergo und mir liegen feinste Filetstückchen und buntes Gemüse. Dazu gibt es Wein. „Der nackte Mann wollte dich nicht provozieren“, merkt Sergo an, „Er besitzt keine Kleidung.“ Gedankenversunken kaue ich auf meinem Steak herum. 

Am nächsten Tag bin ich sehr früh wach, fahre zum Wochenmarkt und kaufe eine einfache Jeans. Im Auto sieht Sergo mein Geschenk. Er lächelt zustimmend. Wieder klopft mein Herz wild, als wir den Highway verlassen. Nur die Zweifel sind verschwunden. 

Mit der einfachen Jeans vom Wochenmarkt in der Hand betrete ich das Zelt, blicke nochmals zu Sergo, dann zu dem nackten großgewachsenen Mann vor mir. Mit einem Lächeln und ohne Worte gebe ich ihm die Hose. Dankbarkeit und überschäumende Freude, erwarten mich daraufhin in der Klasse. Der Mann steht auf und umarmt mich in seiner Nacktheit. Kinder und Erwachsene küssen den Nackten und beginnen zu tanzen und zu lachen. Das Glück des Mannes steckt alle an. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Sergo kommt nach vorne, auch er ist sichtlich gerührt. Dieser Augenblick der Freude berührt uns alle.

Eine Reportage von Regine Egger 
Fragen? Kontaktieren Sie mich gerne über Mein Status Skype oder hinterlassen Sie mir einfach eine Nachricht.


Egger Konzept